12 Dez 2019

Ein Zeitzeuge im Geschichtsunterricht der Klasse 10e

Am 24. Oktober 2019 kam Herr Schäfer zu Besuch in unseren Geschichtsunterricht. Er erzählte uns von seiner Kindheit und Jugend in der Hitler-Zeit, also im Nationalsozialismus.

 

Im August 1936 kam Herr Schäfer in seiner Heimatstadt Freiberg (Sachsen) auf die Welt. Während seiner ganzen Kindheit habe er nicht viel vom Dritten Reich mitbekommen, wie er uns erzählte. Er hatte eine kleine Schwester und sein Vater war Deutscher Offizier.
1942 kam er dann mit 6 Jahren auf eine Volksschule wo er das erste Mal so richtig mit der Nazidiktatur in Kontakt kam. Man muss folgendes wissen: Damals hatten sie in der Schule keine Tische, sondern nur Bänke wo sie zu fünft nebeneinandersaßen. Sobald der Lehrer in den Unterricht kam, oder man ihn auf der Straße traf, musste man ihn mit dem Hitlergruß grüßen. Nach einem halben Jahr Unterrichtszeit wurde die ganze Schule laut Herrn Schäfer in die Aula gerufen, um zuzusehen, wie drei Jungs vor der ganzen Schule vom Direktor verprügelt wurden. Herr Schäfer wusste nicht warum. Bei seinem Halbjahreszeugnis hatte er in Mathe eine Fünf, woraufhin ihn sein Lehrer für die Sonderschule empfahl. Dies war seinem Vater als Deutschem Offizier nun gar nicht recht, und eines Tages platze er mitten in den Unterricht und ermahnte den Lehrer, wie er denn die Kinder behandeln würde. Später erfuhr Herr Schäfer dann, dass ein weiterer Grund für die Sonderschulempfehlung wohl darin lag, dass er als Sohn eines deutschen Offiziers seine Mitschüler aber nicht anbrüllte und rumkommandierte, wie es, nach Ansicht des Lehrers, sein sollte. Nach dem Besuch seines Vaters war der Lehrer nicht mehr der Meinung, dass Herr Schäfer auf eine Sonderschule gehöre.

Herr Schäfer erklärte uns dann, was die Nationalsozialisten  unter dem Begriff „Euthanasie“ verstanden;  nämlich „lebensunwerte Menschen“  töten zu lassen. In der damaligen Zeit bedeutete der Besuch einer Sonderschule, dass man Gefahr lief, im Rahmen dieser „Euthanasie“ umgebracht zu werden.

Während des Krieges sah er als Kind immer wieder sogenannte „helle und dunkle“ Bomber, die über ihn hinwegflogen. Nach einer bestimmten Zeit konnte er unterscheiden, welche Bomber zu welchem Land gehörten. Die hellen Bomber waren die von der USA, und die dunklen waren die der Engländer. Als Herr Schäfer eines Tages bei einem Freund zu Besuch war, ertönte lauter Alarm, was bedeutete, dass Freiberg bombardiert werden würde. Bei der Bombardierung an jenem Tag starben 200 Menschen, und wer bei den Überresten der Häuser plünderte, wurde hingerichtet!

Er erzählte uns, dass es sogar Hinrichtungen wegen eines geklauten Brötchens gab…
Ein paar Tage später, am 13.Februar 1945, wurde Dresden bombardiert; hierbei starben 25.000 Menschen!  Herr Schäfer erinnerte sich, dass es bei dem Angriff so hell und rot war, dass man ein Buch hätte lesen können…

Herrn Schäfer und anderen Schülern wurde in der Schule beigebracht, sich bei Tiefflieger-Bombern einfach auf den Boden zu legen und sich selbst tot zu stellen. Er und seine Familie flohen später von Freiberg in ein 20 km entferntes Nachbardorf (auf einen Bauernhof). Eines Tages stürmten dann russische Soldaten den Bauernhof, während Herr Schäfer und seine Familie frühstückten. Das Überraschende war aber, dass die Soldaten ihnen nichts taten; ganz im Gegenteil, sie wünschten ihnen einen guten Appetit und verabschiedeten sich dann!

Herr Schäfer erwähnte aber auch, dass sich damals viele Frauen aus Angst vor Vergewaltigungen vergifteten…Eine Tante von ihm hat sich umgebracht…

Später quartierten sich russische Soldaten bei ihnen ein, die sehr anständig waren. Sie waren immer leise, nachdem Herr Schäfer schlafen ging; sie halfen bei den Hausarbeiten, schenkten Herrn Schäfer und seiner kleinen Schwester Schokolade etc. Als erste Fremdsprache hat er Russisch kennengelernt…

Sein Vater, der Offizier, konnte nicht zu seiner Familie zurückkehren, weil die russischen Soldaten ihn ansonsten direkt mitgenommen hätten, und er nach Sibirien verschleppt worden wäre.

Mit 10 Jahren ging Herr Schäfer für kurze Zeit auf ein Gymnasium. Danach musste er die Schule wechseln, weil es in der Gegend kein Gymnasium gab. Er wurde dann auf eine Internatsschule geschickt, wo es 2 Jahre lang morgens Buttermilchsuppe,  mittags und abends Futterrüben und sonntags manchmal Brot gab. Zu der Zeit konnte man kein Brot oder anderes Essen von außerhalb kaufen. Es gab Lebensmittelmarken, und manchmal Brot nur als Attrappe. (also nicht echt). Eine Schule aus der Schweiz lud dann die ganze Schule von Herr Schäfer ein und gab ihnen etwas Richtiges essen und Unterkunft für 1 Woche. Genau 1 Jahr später lud dieselbe Schule, Herr Schäfers Schule erneut ein.

Später, nach der Währungsreform, gab es viel zu kaufen.

Ein Butterbrot war für ihn eine Delikatesse!

Herr Schäfer erinnerte sich, dass die Aluminiumteller (er fand sie eklig) dann durch Steingutteller ersetzt wurden.

Im Anschluss an seinen Bericht hatten wir dann Gelegenheit, ihm noch Fragen zu stellen.

 

Unsere Fragen an Herrn Schäfer

 

Frage 1: Wie konnten Sie sich all diese Dinge merken?

Seine Antwort: All diese Erinnerungen täten ihm innerlich so weh, dass es unmöglich sei, so etwas zu vergessen.

Frage 2: Haben Sie noch Freunde aus der Zeit?

Seine Antwort: Er habe seinen einzigen Freund verloren, weil dieser, ohne es zu wissen, von seiner eigenen Familie vergiftet worden war – aus Angst vor den Russen.

Frage 3: Wie waren die russischen Soldaten Ihnen gegenüber?

Antwort 3: Sie seien in seiner Erinnerung  wirklich sehr nett gewesen, obwohl damals gesagt worden war, dass sie „Untermenschen“ seien (in den Augen der Nationalsozialisten).

 

Zum Abschluss seines Vortrags war es Herrn Schäfer sehr wichtig zu erwähnen, dass es immer und überall Menschen gab, die anders waren!

Vielen Dank, lieber Herr Schäfer, für diesen interessanten Geschichtsunterricht!

Semih Kiransal und die Klasse 10e

 

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